ERFAHRUNGSBERICHT

Ich lass Dich gehen


Susanne M. (Name geändert) hatte keine Gelegenheit, sich von ihrem Vater zu verabschieden. Ein fröhliches „Tschüss“ war die letzte Botschaft des Vaters an die Familie, unbekümmert aus der Diele durch die offene Küchentür, den Enkelkindern winkend.

Am nächsten Morgen fand Susanne M. ihren Vater tot in seinem Haus auf: Herzstillstand.

Erst knapp ein Jahr zuvor hatte sie ihre Mutter nach langer schwerer Krankheit verloren. Ihre Mutter hatte sie begleiten können – ihr Vater ging ohne Vorankündigung, ohne Hinweis, ohne Abschied. Für die ganze Familie und besonders für Susanne M. ein Schock.


Auch wenn sie zunächst glaubt, den organisatorischen Anforderungen hinsichtlich der Bestattung nicht gewachsen zu sein, kämpft sie sich mit Unterstützung der Familie durch die Dinge, die es nun zu organisieren, zu entscheiden und zu gestalten gilt. Obwohl sie das Gefühl hat, das ihr der sichere Boden unter den Füßen weggezogen ist: Sie funktioniert - irgendwie.

Ihr Vater hatte bestimmt, dass er eingeäschert werden soll. Der Bestatter übernimmt alle Formalitäten. Dass man im Hermeskeiler Krematorium, dem I G N A R I U M Verabschiedungen vornehmen kann, erfährt Susanne M. von einer Freundin. Zunächst findet sie die Vorstellung „erschreckend“, doch dann wächst zu ihrer eigenen Verwunderung langsam die Idee, der Wunsch, ja fast das Verlangen, den Vater auf diesem letzten Weg, bis zur letzten Minute begleiten zu wollen.

Gemeinsam mit ihren Geschwistern, den Ehepartnern und Vaters bestem Freund macht sie sich am Tag der Einäscherung im geliebten Dienstwagen des Vaters auf den Weg zum Krematorium. Sie ist aufgeregt und verunsichert. Wie soll sie sich der nun anstehenden Ausnahme-Situation stellen?

Es ist ein klarer sonniger Wintertag, ein Wetter, das ihr Vater liebte. Auch im Krematorium ist es sonnig. Der Empfang ist freundlich. Vaters blumengeschmückter Sarg ist im Verabschiedungsraum aufgebahrt. Sonnenstrahlen scheinen wie ein Himmelsgruß durch das Oberlicht direkt auf den Sarg, vor dem Vaters Foto steht. Kerzen brennen auf Anrichten und Kandelabern. Im Hintergrund ertönen dezent Vaters Lieblings-Klarinettenstücke. Susanne M. stellt einen Teddy auf den Sarg. Ihre Mutter sammelte Teddys und diesen hier hatte ihr der Vater bereits in jungen Jahren geschenkt. Der Teddy trägt seither Vaters Namen.

Den Tod der Mutter hat er selbst nie richtig verkraftet. Innerlich hat er sie nie richtig gehen lassen. Dass der Teddy ihn jetzt begleitet, ist Susanne M. ein echtes Bedürfnis, das sie sich auf einem Friedhof ob der vermeintlichen Kitschigkeit wohl nie getraut hätte. Hier geht das, hier tut ihr das gut: Hier sind nur sie und die, die das genauso empfinden.

Man lässt die Familie in Ruhe Abschied nehmen. Im engsten Kreis derer, die den Vater wirklich lieben, gedenkt man dem Verstorbenen. Ohne unter öffentlicher Beobachtung zu stehen, können sie und die engste Familie in diesem Moment ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Vertrautheit, niemand muss Tränen zurück zu halten. Man nimmt sich in den Arm. Nacheinander, so haben sie vereinbart, soll jeder einige Minuten ganz allein an Vaters Sarg verweilen dürfen, mit ihm allein sein und letzte Worte an ihn richten.

Nach und nach gewinnt Susanne M. so etwas wie Zuversicht in dieser für sie völlig neuen Situation. Sie erinnert sich, dass sich in diesen Minuten des Abschieds, in den unendlichen Schmerz, in die Verzweiflung und in die vielen Tränen auch positive Gefühle mischen: Sie spricht von unglaublich intensiver Nähe, Zwiesprache und Trost.

„Geben Sie uns ein Zeichen, wenn Sie soweit sind“. Noch einige Stunden zuvor hatte sie geglaubt niemals dazu in der Lage zu sein, loslassen zu können. Doch nun ist ein Gefühl in ihr gewachsen: „Nun ist es gut – ich kann ihn gehen lassen“. Alle sind bereit, „das Zeichen“ zu geben.

In die neu gewonnene Stärke hinein kommt - einfühlsam platziert - vom Personal des Krematoriums eine neue Herausforderung an die Trauernden. Sie werden gefragt, ob sie den Vater selbst in den Ofen einfahren möchten. Während einige zunächst strikt ablehnen, entwickelt Susanne M. spontan den Wunsch genau dies tun zu wollen: „Papa, ich lass Dich gehen“. Sie erinnert sich dabei an die schweren Stunden am Sterbebett ihrer Mutter. Sie ist der festen Überzeugung, dass das „gehen lassen“ wichtig für die Sterbenden ist. Nun willigt auch eine Schwester ein und gemeinsam begleiten sie den Vater in den Einäscherungsraum, gemeinsam betätigen Sie den Knopf, mit dem die Einfuhrautomatik bedient wird, und verfolgen den Weg des Sarges.

Ihre Gefühle in diesem Moment beschreibt Susanne M. positiv: Ein tiefes Gefühl inneren Friedens sei eingekehrt. Eine neue Klarheit habe sich eingestellt, die sie sich heute so erklärt, dass der Schwebezustand zwischen Himmel und Erde nun beendet sei. Sie habe sogar in diesem Moment das Gefühl gehabt, dass der Tod selbst seinen Schrecken verloren habe.

Das Gespräch mit Susanne M. wurde ca. einen Monat nach der Einäscherung ihres Vaters im I G N A R I U M geführt. Sie sagt, sie habe im nachhinein von diesem Ereignis „nur gute Bilder in Erinnerung“.

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